Schleier und Maske

Skizze einer Philosophie des Erotischen

Jörg Friedrich, Münster

Seit zweieinhalb Jahrtausenden fristet die Erotik im abendländischen Denken, in der Kultur Europas, ein Schattendasein. Alles begann damit, dass Platon, der griechische Denker von dem her wir unsere ganze Philosophietradition bestimmen und entwickeln, auf die Idee kam, die erotische Begierde müsse irgendwie auf eine höhere Ebene gebracht werden, sodass sie dann idealerweise in einer theoretischen, kontemplativen Schau des Schönen schlechthin bestehen würde. Von da an wurde der Mensch von der Philosophie nicht mehr als Wesen mit Begierden verstanden, sondern allenfalls als arbeitendes, herstellendes oder handelndes Wesen, im Idealfall allerdings als theoretisierendes, als nur die Welt betrachtendes, unbewegliches und unbewegtes Wesen. Auch wenn erst im Verlauf dieser kleinen Serie überhaupt ein wenig Licht in die Frage gebracht werden soll, was Erotik eigentlich sei, so ist wohl jedem vorab schon klar, dass sie mit theoretischer Weltbetrachtung und Bewegungslosigkeit nur wenig zu tun haben kann. So kann man sagen – bei aller Verehrung für die Väter unserer Philosophie – dass mit den Alten Griechen ein Menschenbild die Oberhand gewann, das sicherlich mit vielem zu tun hat, aber nichts mit Ekstase, Begehren, Erotik.

Die Religionen griffen dieses erotikfreie Menschenbild begierig auf, allen voran das Christentum, das als Religion der Entsagung und des Leidens ohnehin Schwierigkeiten mit dem Genuss, den irdischen menschlichen Sehnsüchten und der Freude am Stillen von Verlangen hat. Aus Platons Schau des Schönen wurde die Schau Gottes – damit war die Erotik endgültig in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele verband.

Wir sind weit davon entfernt, der Erotik endlich wieder zu ihrer natürlichen Rolle im Leben der Menschen zu verhelfen. Das Gegenteil ist der Fall: In einer Zeit, in der alle menschlichen Verhaltensweisen aus ökonomischen Nutzenserwartungen und Kosten-Ertrags-Kalkulationen begründet werden müssen und in der zudem wissenschaftlich nur das wirklich interessiert, was logisch-funktional und naturwissenschaftlich als Evolutionsvorteil erklärt werden kann, spielt allenfalls Sex eine Rolle, aber nicht Erotik. Zwar sind wir inzwischen liberal genug irgendwie jedem seine persönlichen Vorlieben zuzugestehen, solange er uns damit nur nicht im Alltag zu nahe kommt, aber gerade diese Verbannung ins Private zeigt ganz deutlich, dass das Erotische eben weit davon entfernt ist, als wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste und ursprünglichste Teil des menschlichen Wesens akzeptiert zu werden.

Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was eigentlich das Erotische ausmacht und warum man vielleicht sagen kann, das nichts menschlicher ist als die Erotik, nicht die Vernunft, nicht das soziale Zusammenleben und nicht die Arbeit. Denkt man aber darüber nach dann bemerkt man: die Erotik ist das, was uns wirklich von den Tieren unterscheidet und es ist erstaunlich, dass wir gerade diesen Unterschied immer vergessen machen wollen.

Das Wort Erotik kommt aus dem Griechischen, es hat, mit Eros, dem Gott der Liebe zu tun. Bemerkenswert ist, dass es ein Begriff ist, der eine bestimmte Gemeinsamkeit mit anderen Begriffen hat: Technik, Physik, Politik, Ethik: Es ist die Nachsilbe –ik, die im Griechischen so etwas wie eine Fertigkeit, ein Handwerk, eine „Lehre von" oder „Kunst der" bezeichnet. Die Erotik wäre dann also die Lehre vom Erotischen, die Kunst der Liebe. Was aber ist wiederum Liebe? Selbst der Papst weiß, dass es drei Formen der Liebe gibt, die Agape, die aufopfernde Hingabe, die Philia freundschaftliche Zuneigung, die, und eben Eros, die sinnliche Begierde. Es überrascht natürlich nicht, dass der Papst uns empfiehlt, dass wir uns auf die Agape konzentrieren und den Eros zügeln sollten, auch wenn, wie ich oben bereits angedeutet hatte, schon Platon ein paar hundert Jahre vor Christus dem Eros den Lebenssaft entzogen hatte indem er die ganz praktische Begierde des realen Schönen durch die – seiner Meinung nach viel höher zu bewertende – theoretische Begierde der Schau der Idee des Schönen ersetzt hat.

Dabei ist die erotische Begierde wohl kulturgeschichtlich weit ursprünglicher als Agape und Philia, und wir können sogar vermuten, dass der Ursprung des Erotischen und des Religiösen der gleiche ist. Dieser gemeinsame Ursprung ist im Schleier und in der Maske noch erkennbar, doch dazu später. Wo liegt die gemeinsame Quelle von Erotik und Religion, zweier Teile des menschlichen Lebens, die sich heute so weit voneinander entfernt haben dass es paradox erscheint, überhaupt nach einem gemeinsamen Ausgangspunkt zu suchen? Diese Quelle liegt in der Raserei, der Ekstase, im Rauschzustand, im absichtlich und gemeinschaftlich herbeigeführten Wahnsinn auf Zeit. Bei den Urvölkern, in den Naturreligione n ist religiöser Kult und orgiastische Raserei noch nicht getrennt, erst die monotheistischen Religionen, die meinten, den Menschen zivilisieren zu müssen, trennten den auf einen Gott gerichteten Kult von dem, der sich auf andere Menschen richtete. Im Prinzip begann damit der gut zwei Jahrtausende währende Todeskampf der abrahamitischen Religionen, dessen letztes Stadium wir wohl inzwischen erreicht haben, auch wenn sich dieses noch hundert oder zweihundert Jahre hinziehen mag – aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Ursprünglich jedenfalls waren Religiöses und Erotisches eines, der gemeinsam herbeigeführte und erlebte ekstatische Rauschzustand, wobei es bei diesem gewollten Wahnsinn, dieser Raserei nicht auf das Ergebnis ankommt, das man vielleicht so schnell und effektiv wie möglich herbeiführen will, sondern auf das Erlebnis der Steigerung, des Auskostens jeder Phase des zunehmenden Wahnsinns, des Innehaltens und Genießens möglichst vieler Zwischenstufen des Begehrens und Erlebens. Das Begehren des orgiastischen Höhepunktes ist nicht das Mittel zum schnellen Erreichen eben dieses Schlussmomentes, sondern dieses Begehren ist selbst das Ziel. Genuss liegt nicht im Wissen darum, an ein Ziel gelangt zu sein, sondern im Genießen des Weges selbst, so wie der Genuss des Essens nicht im Völlegefühl nach der Mahlzeit sondern eben im genussvollen Verspeisen des Gerichtes selbst liegt. Auch hier liegt übrigens eine gemeinsame Quelle des Erotischen und des Religiösen, die sich im Erotischen noch im Candlelight-Dinner ganz offenbar erhalten hat, während sie im religiösen Kult zum Kauen einer trockenen Oblate und zum Nippen an einem hingehaltenen Weinbecher degeneriert ist.

Wir müssen also, um es zu verstehen, das Erotische auch deutlich vom Sexuellen und vom Pornografischen unterscheiden. Beim Sexuellen mag es um das schnelle und effektive Befriedigen des Sexualtriebes gehen, die pure Nacktheit, Blöße und Direktheit des Pornografischen mag dabei nützlich sein, so wie ein Rauschgift oder ausreichend konzentrierter Alkohol ohne Umwege und Zeitverzug einen Rauschzustand herbeiführen kann. Das hat weder mit dem Rausch der erotischen Begierde noch mit naturreligiösen Kulten etwas zu tun. Erotik ist die Kunst das Begehren zu steigern und zu zügeln, mit ihm zu spielen, die Begierde wach zu halten und hin zu halten und den Wahn damit so lang wie möglich auszukosten und auszuhalten.

Die erotische Begierde ist auf das sinnliche Erleben des anderen Menschen gerichtet, auf das Riechen und Schmecken seiner Haut, auf das Erblicken und Ergreifen seiner intimen, im Alltag verborgenen Körperzonen, auf das Hören seines Atems, der sonst, durch Alltagsgeräusche oder zu große Ferne, unhörbar ist. Erotik ist die Kunst, dieses Erleben allmählich steigern zu können, weil Nähe gewonnen wird, weil die Sinne sich schärfen während die Umgebung zurücksinkt, und weil die Kraft des Begehrten selbst stärker wird, weil Gerüche intensiver werden, Haut feuchter wird, die Formen der Körper selbst fester und kräftiger werden, weil der Atem intensiver und heißer wird.

Wie gelingt das im erotischen Spiel? Durch Offenbaren und Verbergen in einem. Die Begierde wird geweckt und gelockt durch die Phantasie. Die Phantasie glaubt, schon zu sehen, was noch verborgen ist, und weckt das Verlangen auf Überprüfung durch Annäherung. Hier kommt der Schleier ins Spiel. Der Schleier verbirgt und zeigt zugleich, er lässt etwas erahnen. Schon Immanuel Kant, wusste um die Kraft des Schleiers, etwas erst sichtbar zu machen was ohne Schleier in seiner bloßen direkten Sichtbarkeit unverständlich bliebe.

Vieles kann zum erotischen Schleier werden: Im Kerzenlicht erkenne ich die Frau mir gegenüber nicht ganz so deutlich wie in einem gut ausgeleuchteten Raum. Aber mehr als das: das flackernde Licht lässt mal mehr, mal weniger erahnen, mal nähert sich das Gesicht dem Licht, mal der Arm, mal das Decoltee. Auch der Dampf in der Sauna und der Nebel auf der Tanzfläche sind solche Schleier, zusammen mit dem wechselnden Licht der Effekt-Beleuchtung.

Der Schleier, den wir uns auf die Haut legen, das Tuch, mit dem wir uns einhüllen, ist aber der umfassendste Schleier. Er verbirgt nicht nur den Anblick des begehrten Körpers, er verhindert auch das Fühlen und Schmecken der warmen Haut, das sichere Ergreifen seiner Formen (wobei es nie nur die Formen sind, die wir im Ergreifen Begehren, sondern immer auch der Leib selbst, der da geformt wird). Ein erotischer Schleier lässt von all dem auch etwas hindurch, er erlaubt nicht nur unverhoffte Ein- oder Durchblicke, er gibt auch den anderen Sinnen einen Vor-Geschmack und ein Vor-Gefühl dessen, was sich heiß begehrt unter dem Schleier zeigt und versteckt.

Ein solcher Schleier ist transparent, nicht dicht, ist beweglich und nicht starr, das unterscheidet ihn von den Schleiern der heutigen Religionen. Diese dichten, meist stumpf-dunklen, grauen oder schwarzen Schleier sollen, so wird behauptet, ein Schutz gegen die Begierde sein, sie sollen die Frau, die darunter verborgen wird, vor Zudringlichkeit jeder Art bewahren. Es muss natürlich bezweifelt werden, dass dies überhaupt gelingen kann, denn auch die Ganzkörperverhüllung eines Tschadors kann nicht darüber hinweg täuschen, dass darunter ein Mensch, eine Frau ist. Alles, was unter dem Schleier zwar verborgen ist, den Regeln nach aber vermutet werden kann wird die männliche Phantasie hinzuerfinden, und so kann kein Schleier vor dem Begehren schützen- und natürlich ist dies auch nicht der Sinn des Schleiers. Der heutige religiöse Schleier verhindert nicht die Begierde des Mannes sondern verhindert, dass die Frau das erotische Spiel selbst bestimmen kann. Mit einem Tschador kann sie nicht spielen, weil die Variabilität des Schleiers zwischen Verbergen und Zeigen ganz auf das Verbergen reduziert ist. Das gilt natürlich fast im gleichen Maße für die Nonnentracht wie auch für die Mönchskutte. Aber wenn wir heute junge Muslima durch deutsche Großstädte spazieren sehen dann bemerken wir schnell dass kein religiöser Schleier als Symbol grundsätzlich so fixiert ist dass er nicht im erotischen Spiel als Trumpf eingesetzt werden kann.

Zurück zum erotischen Schleier, der natürlich nicht den Frauen vorbehalten ist. Auch Männer kennen die Kunst des verbergenden Zeigens, auch wenn wir es nicht ganz so einfach haben wie die Frauen, denen die Designer die transparenten Tüllstoffe, aus denen die Schleier der Verführung von Alters her gefertigt werden, reserviert haben. Doch dazu später noch ein paar Worte.

Im gekonnten Spiel mit dem Verbergen und dem lockenden, nur flüchtigen, gelegentlichen und wie zufälligen Offenbaren begegnet uns die Erotik, die Kunst der begehrenden Liebe. Wie aus Versehen verschiebt sich der Schleier und gibt, nur kurz, den Blick auf den Busen frei. Versehentlich legt sich eine Hand auf diese Stelle, ist es die eigene, oder eine fremde, der Schleier gleitet zurück, was kurz vom Licht beschienen war schimmert nun wieder nur undeutlich unter dem Tuch hervor. Seine ganze Verführungskraft zeigt der Schleier im Tanz, wenn der Stoff weht, ständig in Bewegung ist. Der berühmteste erotische Tanz wurde deshalb mit sieben Schleiern getanzt und es wundert uns nicht, dass dieser Tanz als böser, mörderischer Verführungsakt im Matthaeus-Evangelium Erwähnung findet. Jeder Schleier-Tanz ist ein ekstatischer Tanz, ein Tanz in den Wahnsinn, er verführt eben dadurch, dass das begehrte Wesen sich jedem Zupacken tanzend entwindet und dass der Schleier, der eben noch einen Blick auf die begehrtesten Territorien des zu erobernden Körpers freigab, diese im nächsten Moment wieder unter dichten Falten des transparent erscheinenden Stoffes verbirgt. Aber dieser Tanz ist nicht nur das Spiel von Blöße und Bedeckung, von Licht und Dunkelheit, er ist auch das Spiel von Kälte und Wärme, das sich, umso mehr der Tanz fortschreitet, zu einer feuchten Hitze steigert. Dann klebt der durchscheinende Stoff auf der begehrten Haut und lässt hervortreten, was die Blicke und Hände so sehr begehren.

Der Schleier erlaubt jedoch nicht nur ein Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, das unsere Sinne mehr und mehr in einen Rausch treibt. Dieser Schleier legt sich auch nachsichtig auf unsere kleinen und großen Schwächen, auf die zu kleine Brust ebenso wie auf den zu großen Po. Natürlich müssen wir hier kurz innehalten und die Frage zulassen, ob es solche Schwächen wirklich gibt und ob der perfekte erotische Körper überhaupt das Ziel eines erotisch lebenden Menschen sein kann. Es geht hier allerdings nicht um irgendein gesellschaftlich konstruiertes Schönheitsideal, das letztlich bei genauem Hinsehen oder Hinfassen ein langweiliges, unerotisches Mittelmaß ist. Begehren weckt immer das, was man nicht kennt, und die Wahrscheinlichkeit, dass man das Mittelmaß schon kennt, wächst mit zunehmendem Alter. Wer verführen möchte, sollte deshalb nicht aufs Mittelmaß setzen. Jedoch: kaum jemand will genauso erscheinen wie er oder sie ist, man möchte täuschen und verbergen. Der Schleier ist immer eine Möglichkeit, so lange zu verbergen wie die Phantasie des Verführten braucht, um sich im zunehmenden Rausch die Wirklichkeit, die sich unter dem Schleier zeigen wird, zum Ideal zu machen. Ein Schleier ist die Projektionsfläche zweier Phantasien der beiden Menschen die sich im erotischen Spiel gegenseitig verführen indem sie verführt werden und zwischen denen der Schleier schwebt bis er zerreißt. Wenn das Spiel gelingt, dann bleiben die Phantasien auch dann noch im höchsten Rausch lebendig, und wenn die Leiber erschöpft zurücksinken dann bedeckt der Schleier schon wieder gnädig was der Phantasie überlassen bleiben soll.

Ich hatte gesagt, dass kaum jemand im erotischen Spiel so erscheinen möchte wie sie oder er im unerotischen Alltag erscheint. In der Erotik wollen wir Andere sein, ja, die Erotik fordert sogar von uns, dass wir unter ihrem Regiment zu Anderen, zu Fremden werden. Was wir haben und was wir gut kennen, das begehren wir nicht mehr, denn das Begehren und das Besitzen schließen sich aus. Nun können wir natürlich sagen, dass in unserer modernen Welt kein Mensch ein Recht auf den Besitz eines Anderen hat. Aber damit vertuschen wir das Problem nur, denn es geht nicht um den Besitz eines anderen Menschen sondern um den Besitz einer erotischen Erfahrung. Stellen wir uns zwei Menschen vor, die ihr erotisches Spiel immer auf die gleiche Weise spielen, dann wird schnell klar, dass die Begierde bald sterben muss, auch wenn der eigentliche Sexualakt noch funktioniert, wenn wir den die Funktion dieses Aktes darin sehen, den Sexualtrieb zu befriedigen. Aber wir hatten ja schon gesagt, dass das Durchführen des Sexualaktes nichts mit Erotik zu tun hat. Erotik ist die Kunst der Begierde und zu dieser Kunst gehört, ein Begehren überhaupt zu erwecken also etwas Begehrenswertes anzudeuten, zu verheißen und es gleichzeitig zu verbergen. Wer das Begehrenswerte schon in- und auswendig kennt, bei dem wird keine Begierde geweckt.

Begehrenswert kann also nur das Fremde sein, wobei das Fremde vom nur Anderen unterscheidet, dass das Fremde unverstanden ist und sogar unverständlich bleibt, so viele Erfahrungen und Erlebnisse wir auch damit machen. Wirklich erotische Erlebnisse können auch nicht verstanden oder erklärt werden, und es ist der Tod jeder Erotik wenn wir nach dem Rausch und dem Wahnsinn zu erklären versuchen was da gerade passiert ist und warum wir was genau getan haben, was der Zweck welcher heftigen Bewegung war und zu welchem Ziel eine gewisse Anstrengung geführt haben sollte. Hier ist die Erotik ganz Kunst: Wenn man darüber reden könnte, dann bräuchte man es nicht zu tun.

Erotik ist die Kunst, sich fremd zu bleiben und sich einander immer wieder fremd und unverständlich zu werden. Auch dazu tragen wir Schleier und dazu verbergen wir uns unter Masken. Eine Maske ist keine Verkleidung, hinter der Maske verstecke ich nicht mein wahres, bekanntes Gesicht, sondern durch die Maske werde ich ein Unbekannter, unverstandener und unverständlicher Fremder. Wenn ich meiner Partnerin mit einer Maske nur vorspiele, anders zu sein als sie mich kennt, dann findet keine Erotik statt. Sie weiß ja, dass ich mich unter der Maske verberge. Vielmehr zeigt ihr die Maske ein anderes, unbekanntes Wesen, das auch mein Wesen ist. Wenn sie auch glaubt, mich zu kennen und wenn sie auch weiß, dass ich es bin, der unter der Maske sein Alltagsgesicht verbirgt, den Mann mit der Maske kennt sie nicht. Hier sehen wir wieder die Gleichursprünglichkeit von Erotischem und Religiösen: In den Maskentänzen der Naturreligionen verkleiden die Tänzer sich nicht als Geister sondern indem sie maskiert tanzen erscheinen die Geister in ihnen.

Eine Maske im erotischen Spiel muss deshalb gut ausgewählt werden, nicht mit den Mitteln praktisch-rationaler Überlegungen (passt sie in die Tasche ohne zu leiden, wird sie drücken, werde ich schwitzen und „Was will ich mit der Maske sagen?") – in der Maske, die ich wähle muss ich mich selbst erkennen, aber eben meine fremde Seite. Deshalb kann man Masken auch nicht als Paar gemeinsam aussuchen: Wenn meine Partnerin sagen würde: „Nimm doch diese Maske dort, die passt gut zu dir" dann wird der Abend nicht erotisch sondern allenfalls ein Karneval.

Ich hatte gesagt, dass wir Männer weniger Möglichkeiten haben uns zu verschleiern. Aber umso mehr Gelegenheiten haben wir, uns zu maskieren. Den Fremden in uns zeigen wir, natürlich können das auch die Frauen tun, nicht nur und nicht einmal notwendigerweise mit einer Maske vor dem Gesicht, sondern mit einer Kleidung, deren Merkmale auf einen Anderen, Fremden verweisen. Dass Alltagskleidung unerotisch ist, ist trivial. Aber wiederum ist die naheliegende Alternative, Muskelshirt, enge Hose oder weit geöffnetes Hemd, allenfalls funktional im Sinne der raschen Befriedigung des Sexualtriebes, aber sicherlich nicht erotisch. Erotisch ist, was fremd ist, sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch in Bezug auf den Einzelnen, der mit seiner sonst unsichtbaren Fremdheit die Begierde wecken will, erotisch ist, was maskiert und damit meine Fremdheit verführerisch Realität werden lässt.

Vielleicht ist das der Grund warum wir heute so oft an Kleidung, die erotisch wirkt, Elemente des Kriegerischen und des Kampfes finden. Nichts ist uns im Alltag fremder als der Krieg. Gleichzeitig verweist dieses Kriegerische aber auch noch auf eine andere Seite des Erotischen. Nicht umsonst hatte ich vorhin schon militärische Metaphern genutzt als ich von den „begehrtesten Territorien des zu erobernden Körpers" sprach. In der philosophischen Diskussion wird der unverstandene, unverständliche, radikal Fremde zunächst als Feind interpretiert, und unser alltäglicher Umgang mit der Fremdheit gibt dieser Interpretation sicherlich recht. Dass der Fremde auch als Verführer gesehen werden kann, der gleichzeitig verführt wird, ist eine neue Option des erotischen Spiels, wobei die Gefahr und die Ungewissheit über das wahre Gesicht des Fremden im Rausch des Begehrens niemals ganz beseitigt werden kann. Wo jederzeit Gewissheit ist, da ist keine wirkliche Erotik im Spiel.

Erotik als ungewisser Rausch in dem Bekanntes fremd wird und im sich steigernden Wahnsinn der Verführung ein Begehren gesteigert und schließlich, auf Zeit, befriedigt wird, ist ein zutiefst menschliches Spiel. Wir wissen heute, dass Tiere Werkzeuge bauen können, dass sie vermutlich Selbstbewusstsein haben und dass sie ihre Welt erkennen und verstehen können. Wir wissen, dass auch Tier-Gemeinschaften soziale Ordnungen aufbauen. Von erotischen Erlebnissen und Aktivitäten im hier beschriebenen Sinne ist nichts bekannt, Tiere sind so wenig erotisch aktiv wie religiös. Warum haben wir das Erotische aus unserem Menschenbild so radikal verbannt? Mir scheint, der Grund dafür liegt darin dass wir glauben, dass unsere Zivilisation nur auf Basis eines rational-logischen, auf Vernunfts-Erkenntnis basierenden Welt- und Menschsicht erhalten werden kann. Irgendwie hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden im europäischen, heute allgemeiner im westlichen Denken, der Mythos durchgesetzt, dass wir, um unser Zusammenleben friedlich und stabil organisieren zu können, nur Handlungen und Verhaltensweisen zulassen dürfen, die sich rational, auf Basis von Nutzenskalkulationen und logisch begründeten Sach-Entscheidungen, begründen lassen. Ein Mythos ist das, weil sich beim genaueren Hinsehen herausstellt, dass genau dieses Denken, bei allen Fortschritten und Erfolgen, die sich später immer wieder als neue Probleme herausstellen, in die kleinen und großen Katastrophen der europäischen und der Welt-Geschichte geführt hat. Dass das erotische Verlangen und Begehren ebenso katastrophale Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen hätte, ist hingegen nicht bekannt.

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